FWG-Kreisfaktionssprecher: „Chance verpasst, ein Signal für die Stärkung des ländlichen Raumes zu setzen“
Es wird in vorerst keine zweite Integrierte Gesamtschule im Kreis Ahrweiler geben, berichtet die Rhein-Zeitung. Und das, obwohl sich viele Eltern, Politiker und Schüler im Kreishaus eingefunden und eine Petition für die IGS übergeben hatten.
Bereits im Foyer des Kreishauses war am Nachmittag bereits klar: Es würde keine gewöhnliche Sitzung des Kreistages werden. Zahlreiche politische Vertreter der Verbandsgemeinde Brohltal, Eltern, Schüler und Vertreter der Brohltalschule in Niederzissen waren ins Kreishaus gekommen, um unmittelbar vor der Sitzung des Kreistages ein Signal zu senden: Im Brohltal möchte man die zweite Integrierte Gesamtschule (IGS) des Kreises Ahrweiler errichten.
Denn in der zweitgröten Kommune des Kreises Ahrweiler gibt es keine Möglichkeit, wohnortnah das Abitur abzulegen. Bei der Niederzissener Brohltalschule handelt es sich um eine Realschule plus. Mit viel Leidenschaft hatten FWG- und SPD-Kreistagsfraktionen gemeinsam mit dem Verbandsgemeinderat im Brohltal gekämpft und dem Anliegen durch eine Petition zu mehr öffentlichem Nachdruck verholfen. Mehr als 2000 Unterschriften hatte man gesammelt, die man nun Landrätin Cornelia Weigand übergeben wollte.
„Es wird heute nicht einfach werden. Es wird unglaublich knapp ausgehen, aber wir haben gekämpft“, machte Johannes Bell, Bürgermeister der Verbandsgemeinde Brohltal und Mitglied der FWG-Kreistagsfraktion deutlich. Landrätin Weigand wollte die Unterschriften nicht im Foyer entgegennehmen, sondern begleitete die Gruppe in einen Sitzungssaal, der etwas abseits der Hauptwege im Kreishaus liegt. „Wir sind hier in diesem Sitzungssaal, um eine Einflussnahme auf die Kreistagsmitglieder unmittelbar vor der Sitzung auszuschließen“, erklärte Cornelia Weigand. Die Petition zeige, dass es viele Familien gebe, die sich eine Integrierte Gesamtschule im Brohltal wünschten.
Im Sitzungssaal ging es hoch her
Im Sitzungssaal prallten dann die Emotionen aufeinander. Der Antrag, eine IGS im Brohltal zu errichten, stammt von den Fraktionen der FWG und SPD. Das Schriftstück, das heftige Emotionen auslöste und von beiden Seiten – Gegnern wie Befürwortern des Antrags – in ihrem Sinne interpretiert wurde, war ein Gutachten des Planungsbüros Biregio zu Chancen und Risiken einer zweiten Gesamtschule im Kreis.
Für Christoph Schmitt (SPD) zeigt das Gutachten, dass besonders das Brohltal, rund um Niederzissen, die besten Voraussetzungen für einen weiteren IGS-Standort bietet. Hier könne eine neue Schule entstehen, ohne die bestehende Schullandschaft unverhältnismäßig zu schwächen. Das sei, so Schmitt weiter, der entscheidende Punkt: „Wir dürfen Schulen nicht gegeneinander ausspielen, sondern müssen unser Bildungsangebot insgesamt stärken.“ Friedhelm Münch (FWG) warf den Gegnern des Antrags vor, die Peripherie des Kreises zu vernachlässigen: „Ich habe den Eindruck, dass hier gerade die CDU-Kreistagsmitglieder der Kreisstadt Pfründe sichern wollen. Obwohl ja bekannt ist, dass es in der Kreisstadt fünf verschiedene Möglichkeiten gibt, das Abitur abzulegen.“
Dies wollte vor allem Marcel Werner (CDU) so nicht hinnehmen. Die Diskussion um eine weitere IGS im Kreis Ahrweiler habe ihn in den letzten Tagen erschrocken. Der Appell aus dem Brohltal – ebenso wie die begleitende Petition – zeige, dass hier versucht werde, über emotionalen Druck eine politische Entscheidung herbeizuführen, so Werner. Bildungspolitische Entscheidungen dürften nicht auf Grundlage von Symbolpolitik oder öffentlichem Druck getroffen werden, sondern müssten sich an Fakten orientieren, so Werner weiter.
Denkbar knappe Abstimmung
Den emotionalen Höhepunkt der knapp zweistündigen Debatte setzte Johannes Bell. Er hatte sich im Vorfeld zahlreichen Angriffen ausgesetzt gefühlt, denen er mit wachsender Emotionalität entgegentrat. Dabei verwies er die VG Adenau, wo vor 13 Jahren eine Fachoberschule an einem Realschulstandort etabliert wurde. Ebenfalls beteiligt am damaligen Projekt war CDU-Mann Michael Korden, der sich kurz zuvor als entschiedener Gegner des Vorhabens im Brohltal erwiesen hatte. Bell appellierte mit großer rhetorischer Leidenschaft und wurde von Landrätin Cornelia Weigand regelwidrig an seinen weiteren Ausführungen gehindert. „Die Geschäftsordnung sieht hierzu keine Redezeitbeschränkung vor“ so FWG Kreistagsmitglied Hans-Josef Marx. Daher habe die FWG-Kreistagsfraktion zwischenzeitlich bereits eine schriftliche Anfrage an die Landrätin gestellt, mit der Bitte um Stellungnahme.
Nach harter und emotional geführter Debatte ging die Abstimmung denkbar knapp aus. 18 Kreistagsmitglieder stimmten für den Antrag, 20 Mitglieder, unter ihnen Landrätin Weigand, lehnten die Einrichtung einer Integrierten Gesamtschule im Brohltal ab, sechs Kreistagsabgeordnete enthielten sich der Stimme. Nach Einschätzung des FWG-Fraktionsvorsitzenden Friedhelm Münch hat der Kreistag mit der Ablehnung des Antrages die große Chance verpasst, ein Signal für die Stärkung des ländlichen Raumes zu setzen und zu diesbezüglichen „großen Worten“ auch Taten folgen zu lassen. Schülerinnen und Schüler aus der mit rund 19.000 Einwohnern zweitgrößten Kommune des Landkreises erhalten daher weiterhin keine Möglichkeit, wohnortnah ihr Abitur abzulegen.
